Infovideo "Anatomie der Scheide"

Kennen Sie das "Zeltphänomen" und wie genau ist die Scheide eigentlich aufgebaut? Und... gibt es den berühmten "G-Punkt" wirklich?

 

Dr. med. Michael Abou-Dakn gibt Auskunft:

 

Hier das Interview in Textform:

Multi-Gyn: Ich möchte mich heute mit Ihnen über die Anatomie der Scheide unterhalten. Es ist ja so, dass selbst für viele Frauen die Scheide irgendwie ein Mysterium ist. Weil die Organe ja zum Teil innen liegen. Weil man sie nicht sehen kann. Mann liest drüber, mann lernt drüber, aber genau kennt man sich oft nicht aus. Aus welchen Teilen besteht denn eigentlich die Scheide?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Das Problem ist tatsächlich, dass die weiblichen Organe, die Sexualorgane, zum Teil im Bauchraum versteckt sind und dementsprechend für viele Frauen, auch von der Vorstellungskraft her, schwierig nachzuvollziehen sind. Es gibt den äußeren Teil der Scheide, der begrenzt wird von den Schamlippen und damit die Scheide mehr oder weniger nach innen verschließt.

Es gibt die kleinen Schamlippen und die großen Schamlippen, welche die Funktion haben abzudichten, zu verschließen, damit nicht so schnell Bakterien in die Scheide gelangen können. Dann können Sie äußerlich noch den oberen Anteil der Scheide erkennen, die Klitoris, den Kitzler, an dem sich sehr viele Nervenenden befinden, die eben für den Orgasmus, für das Wohlbefinden zuständig sind. Da ist dann so eine Art kleines Kügelchen zu sehen, das auch anschwellen kann. Etwa so ähnlich wie beim Penis.

Also der vordere Anteil des Penis, der auch anschwellen kann. Dann gehen wir in die Scheide hinein und unterscheiden damit in der Medizin zwischen Vulva und Vagina. Die Vagina ist eigentlich das was die Scheide sein soll. Also der innere Anteil. In ihr befindet sich eine Schleimhautschicht, die unterschiedlich geriffelt ist, die eine relative Festigkeit hat und die Möglichkeit hat sich auch in ihrer Größe und in ihrem Volumen zu verändern. Also aufzugehen und kleiner zu werden.

Am Ende der Vagina tritt der Gebärmutterhals in die Scheide ein. Also die Verbindung zur Gebärmutter, um dann eben sozusagen in den Gebärmutterkörper zu führen. Über die Eileiter zum Eierstock, um damit die Befruchtung möglich zu machen. Das ist jetzt mal grob die Anatomie.

Multi-Gyn: Bleiben wir doch gleich mal bei den Schleimhäuten. Die Scheide ist ein sich selbst reinigendes Organ. Was kann ich mir darunter genau vorstellen und funktioniert der Reinigungsmechanismus immer, oder muss ich da auch manchmal nachhelfen?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Es gibt ja verschiedene Funktionen, die die Scheide letztendlich hat. Das ist zum einen eben tatsächlich die Verbindung zwischen innen und außen. Weil eben die Eierstöcke innen liegen und die Spermien irgendwie dort hinkommen müssen. Es muss also eine Verbindung bestehen.

Auf der anderen Seite dürfen Keime der Außenwelt nicht so leicht in die Gebärmutter hineingeraten und nicht in den Bauchraum geraten, weil das zu Infektionen führen kann. Also Keime die nicht gesund sind. Die Scheide hat ein Milieu das auf der einen Seite Bakterienansiedlungen verhindert, indem ein gewisser pH-Wert gehalten wird. Und in diesem Scheidenmilieu wachsen Keime, die günstig sind. Sie ist also nicht steril und sauber, wo man keine Keime findet, sondern man findet in der Scheide immer Keime, aber idealerweise eben die Keime, die auch gesund sind. Also Milchsäure produzierende Bakterien, die eben Säure produzieren und damit das Wachstum der bösen Keime verhindern.

Multi-Gyn: Wie ist das denn mit dem Ausfluss? So als Laie stelle ich mir unter Scheidenreinigung vor, dass der Ausfluss herausfließt und alles Schlechte gleich mitnimmt. Funktioniert das so? Beziehungsweise ist das dann auch besser, wenn man relativ starken Ausfluss hat, oder kann man das so nicht sagen?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Das subjektive Empfinden von Ausfluss ist extrem ausgeprägt. Die eine Frau empfindet ihre Ausflussmenge als zu viel. Die andere Frau fühlt sich damit zu trocken. Also es gibt eine ganz große subjektive Wahrnehmung, was die Stärke des Ausflusses angeht.

Die Schleimbildung hat zwei Aspekte. Auf der einen Seite hat das Raufließen des Schleims tatsächlich eine reinigende Funktion. Auf der anderen Seite ist er eben auch die Straße nach innen. Also wenn der Gebärmutterhals sich öffnet und der Schleim etwas zäher wird, gibt er den Spermien letztendlich die Möglichkeit auch in diesem hoch zu krabbeln. Also sozusagen den Weg leichter in die Gebärmutter hineinzufinden, sodass das durchaus auch einen Weg nach innen bedeutet.

Multi-Gyn: Wie verändert sich die Scheide beim Geschlechtsverkehr?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Das ist eine sehr interessante Frage, weil das tatsächlich den Männern als auch Frauen nicht ganz klar zu sein scheint. Zumindest höre ich das immer wider in den Nachfragen von Patientinnen. Wenn die Frau erregt ist, passiert nämlich interessanterweise das Gleiche wie beim Mann, wenn der erregt ist.

Beim Mann erregt sich ja der Penis, indem er eben erigiert wird, also anschwillt, die Schwellkörper ihn letztendlich größer machen und ansteigen lassen. Bei der Frau passiert das Gleiche, wenn sie erregt ist. Dann zieht sich die Gebärmutter hoch und streckt sich. Also ein Zeichen, dass eine Frau beim Verkehr in zunehmendem Maße vom Mann nicht mehr so gespürt wird, ist das Zeichen, dass sie erregt wird. Weil die Gebärmutter sich eben hochzieht und genau wie beim Mann ansteigt.

Es gibt da so eine Art Zeltphänomen, so wie das die Sexualtherapeuten frühzeitig genannt haben. Ein Phänomen, das eben ganz wichtig ist. Also Frauen, die anfangs beim Geschlechtsverkehr Beschwerden haben, die dann im Laufe der Zeit besser werden, würde man dann empfehlen das Vorspiel zu verlängern. Sie sollten nicht zu schnell richtig miteinander schlafen, weil der Partner eben am Anfang offensichtlich noch gegen die Gebärmutter stößt und die eben erst im Laufe der Zeit, wenn die Erregung größer wird, höher steigt.

Multi-Gyn: Kann man sich eigentlich verletzen, wenn der Penis gegen die Gebärmutter stößt?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: In der Regel nicht. Also ich habe Verletzungen schon gesehen, aber dann eher in der Scheide. Die Verletzungen entstehen eigentlich immer nur dann, wenn die Scheide eben nicht gut durchsaftet, gut durchblutet ist.

Zum Beispiel im Alter, wo Östrogene dann eben irgendwann fehlen und die Scheide dann durchaus brüchiger, trockener werden kann. Wenn die Frauen auch lange keinen Verkehr mehr hatten. Oder bestrahlt wurde, eine Operation gemacht wurde. Wenn dann die Scheidenverhältnisse so verengt sind und verändert sind und vor allem die Elastizität der Scheide nicht mehr gegeben ist, dann kann es Einrisse geben.

Multi-Gyn: Wie lang ist denn eigentlich die Scheide? Wie kann ich mir das vorstellen?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Zum einen eben sehr unterschiedlich, weil sie sich eben verändert. Das ist ein ähnliches Spiel wie beim Penis.  Also die Scheide hat normalerweise eine Länge von ungefähr 8-10 cm, wenn sie nicht ausgeweitet ist. Aber sie kann eben gestreckt werden auf 10, 15 oder gar 15-20 cm. Also es kommt eben wirklich darauf an, welche Volumina sich dort hineinbegeben. Sie ist eben dehnbar.

Multi-Gyn:Was halten Sie von kosmetischen Operationen im Intimbereich?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Die finde ich schrecklich. Schrecklich, wenn sie kosmetisch sind. Die kosmetische Chirurgie im Genitalbereich finde ich als Frauenarzt sehr befremdlich, weil der Wunsch in der Regel nicht unbedingt von der Frau kommt. Und wenn er von der Frau kommt, die Problematik häufig eine ganz andere ist, als dass sie tatsächlich mit der Scheide zusammenhängt.

Und dementsprechend glaube ich, dass das Problem meist eher ein psychosomatisches ist. Wo man auch den Einsatz in einem ganz anderen Sinne sehen muss. Nämlich der Selbstzufriedenheit, der sexuellen Erfüllung, vielleicht auch zu lernen, wie ein Orgasmus funktioniert und solche Sachen. Aber aus kosmetischen Gründen im Sinne von „es muss jetzt hübsch aussehen“ finde ich irritierend. Ich glaube,

auch wenn ich jetzt mal als Mann spreche, nicht als Frauenarzt, dass Erotik nicht davon abhängig ist, wie die Schamlippe jetzt aussieht, sondern das ist ein ganz anders Miteinander, ein Gefühl, was man miteinander hat, ein Moment der miteinander entsteht. Wo die Länge und das Aussehen gerade der Schamlippen weiß Gott gar keine Rolle spielt. Dass da ganz andere Dinge, viel gefühlvollere Sachen zählen.

Multi-Gyn: Stichwort G-Punkt: Gibt es ihn wirklich? Was gibt es dazu zu sagen?

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Er ist beschrieben, aber nie richtig nachvollzogen worden. Es gab anatomische Versuche diesen Punkt zu eruieren, die Anatomie dazu zu finden, z. B. nachzuweisen, dass sich in diesem Areal mehr Nervenbahnen befinden. Meines Erachtens ist es nie gelungen, den anatomischen Beweis zu führen.

Jetzt kann man natürlich sagen was bringt mir die Anatomie, wenn die Funktionalität so ist. Da kann ich nur wiedergeben, aus der Erfahrung als Frauenarzt und von den Berichten von Frauen, dass das sehr unterschiedlich ist. Die allermeisten Frauen berichten, dass die Möglichkeit eine befriedigende Sexualität zu erleben in der Regel von der Klitoris abhängig ist und nicht von der Scheide.

Es gibt einen Teil von Frauen, die sagen, sie sind überhaupt in der Lage einen vaginalen Orgasmus zu bekommen. Der von Freud mal als der eigentliche Erwachsenenorgasmus definiert wurde. Das scheint aus meiner Sicht nicht ganz nachvollziehbar zu sein, weil sehr viele Sexualpraktiken, die letztendlich zur Befriedigung führen, doch etwas mit Reibung des äußeren Genitals, also der Klitoris zu tun haben. Das muss man nicht dadurch erzeugen, indem man aktiv da reibt, sondern das kann man auch durch den Verkehr schaffen, wenn man z. B. eine entsprechende Stellung einnimmt.

Also in dem was ich beobachte, ohne jetzt Sexualmediziner zu sein, glaube ich, dass es schon Frauen gibt, die einen vaginalen Orgasmus bekommen können. Und die berichten häufiger, dass die Stimulation vor allem in der vorderen Scheidenwand entscheidend sei. Und dementsprechend kann es schon so etwas geben, wie ein Areal, das vielleicht etwas leichter erregbar ist und zum dementsprechenden Orgasmus führt.

Multi-Gyn: Vielen Dank Herr Dr. Abou-Dakn für das wirklich informative Gespräch.

Dr. med. Michael Abou-Dakn: Ich danke Ihnen auch herzlich. Auf Wiedersehen.

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